Kleine Schule – Großes Engagement
 
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Zeitzeugen der DDR - Speziallager

Am 25. Und 26. Oktober 2017 fand in Halle das 23. Halle-Forum statt. Thema des diesjährigen Treffens war: „Vom ‚Roten Ochsen‘ nach Mühlberg (Elbe)“, Haft in den sowjetischen Speziallagern in der SBZ/DDR.

Jedes Jahr treffen sich in Halle ehemalige politische Lagerhäftlinge, die nach dem Krieg in Lagern im damaligen Sachsen-Anhalt inhaftiert waren. Das waren die „Speziallager“ Nr. 1 Bautzen (heute: Sachsen), Nr. 8 Torgau (heute: Nordsachsen) und Nr. 4 Mühlberg (heute: Südbrandenburg). Alle der ehemaligen Häftlinge waren vorher im Gefängnis „Roter Ochse“ in Halle. Vorher heißt, bevor es „auf Transport“ in ein Lager ging.

Insgesamt gab es zwischen 1945 und 1950 in der SBZ/DDR 10 vom NKWD (sowjetischen Volkskommissariat für Inneres) eingerichtete Speziallager. Obwohl auch viele ehemalige Häftlinge zu der Veranstaltung kamen, die nicht unmittelbar nach dem Krieg sondern sogar bis in die 80er Jahre im „Roten Ochsen“ inhaftiert waren, war das Schwerpunktthema in diesem Jahr die Zeit unmittelbar nach dem Krieg – bis zur Gründung der DDR – also von 1945-1949. Es gab 5 Zeitzeugen, die damals als junge Männer in einem Alter von 17 bis 20 Jahren u.a. im Speziallager Mühlberg eingesperrt waren.

 

In Mühlberg wurden überwiegend „Minderbelastete“, „Mitläufer“ oder „Garnichtbelastete“ eingesperrt. Sie wurden willkürlich und ohne Haftbefehl festgenommen und viele wussten gar nicht, was ihnen vorgeworfen wurde, da alle Verhörprotokolle und Geständnisse, die sie oft unter Zwang unterschreiben sollten,  auf Russisch waren. Auch wussten sie nicht, wie lange ihre Haft dauern würde. Unter den Inhaftierten befanden sich sehr häufig Jugendliche, denen man unterstellte, dem   "Werwolf" angehört zu haben, einer Untergrundkampforganisation Jugendlicher und Kinder, die zwischen Herbst 1944 und Mai 1945 bestand, die aber weder bei der Bevölkerung noch bei der Wehrmacht Anklang fand. Die Jugendlichen wurden einfach von der Straße weg verhaftet, oft auf ihrem Schulweg, ihre Familien erfuhren nichts von der Verhaftung und waren verzweifelt, weil sie nicht wussten wo sie ihre Kinder suchen sollten.

 

Natürlich waren die Schicksale der Zeitzeugen sehr berührend, zumal ein Zeitzeuge direkt in unserer Nähe wohnt, in Gernrode. Es handelt sich um Herbert Hecht, der als 17Jähriger verhaftet wurde und  – ohne jemals verurteilt worden zu sein – 7 Jahre in sowjetischen Gefängnissen in Sibirien verbracht hat. Er wurde erst 1952 nach Deutschland entlassen und ist bis heute nicht offiziell rehabilitiert.

 

Bei der Diskussion mit den Zeitzeugen Herbert Hecht, Eberhard Hoffmann, Dietrich Nolte und Jochen Stern wurde diese sehr interessante Frage gestellt: "Was würden Sie den Jugendlichen heute mit auf den Weg geben?“

 

Nolte: „Konzentriert euch auf das Wesentliche, den Glauben an den Zusammenhalt, an die Familie und an die Freunde. Zeigt innere Stärke, sagt euch: ‚Ich schaffe das, ich steh die Prüfung durch‘.“ 

 

Hecht: „Junge Freunde, setzt alles daran, dass so ein Verbrechen niemals wieder geschehen wird.“

 

Hoffmann: „Winston Churchill hat mal sinngemäß gesagt: ‚Demokratie ist die schlechteste Form von Regierung, mit Ausnahme all der anderen, die ausprobiert wurden.‘ Diktaturerfahrung hat dazu geführt, dass man Ungerechtigkeit und Lügen schneller durchschaut. Deshalb war mein Prinzip: Zurückhaltung.“

 

Stern: „Freiheit habe ich erst nach der Wende erlebt. Im Art. 5 Grundgesetz steht die Rede- und Meinungsfreiheit. Macht davon Gebrauch. Lasst euch nicht instrumentalisieren.“

 

Obwohl alle vier unter der sowjetischen Besatzungsmacht sehr gelitten haben,  hegen sie – erstaunlicherweise – keine Hassgefühle sondern kommentieren ihre Situation eher sachlich. Ihre Ratschläge sind auf jeden Fall für die jüngere Generation sehr wertvoll.

 

Stern: „Wir sind erst durch die Nazis geopfert worden und später wieder, dadurch dass man uns die Freiheit nahm. Wir sind zweimal betrogen worden.“

 

Hecht: „Deutsche haben mich geschlagen und mir Essen verweigert. Russen haben mich geschlagen und mir Essen verweigert. Aber es hat auch Russen gegeben, die das letzte mit mir geteilt haben. Auf den Charakter kommt es an, nicht auf die Nationalität.“